Ein Blick zurück

16 Jahre TQT und 10 Jahre TQT e.V.

Am 20. März 2016 endete das TQT- Halbjahresprogramm 2015/16. Nun entwickeln wir das neue Halbjahresprogramm 2016/17. Es wird voraussichtlich am 18. September 2016 beginnen. Der Referent Daoud Nassar aus Bethlehem wird zum Thema Frieden/Israel sprechen.

Der Abschluss eines Programms gib Anlass zurück zu schauen:

Im Jahr 2000 hatte der Religionslehrer und Priester Hermann Münzel die Idee, eine "Arbeitsgemeinschaft Theologisches Quartett" zu gründen. Dazu schrieb er am 17.07.2000 insgesamt 18 Menschen an mit der Bitte, in dieser Arbeitsgemeinschaft mitzuarbeiten. Vier der sechs heutigen Vorstandsmitglieder sind seit der ersten Stunde dabei.

Im Jahr 2000 fand die erste Matinee nach dem Muster eines Quartetts statt: Nach dem Vortrag diskutieren zunächst die Referentin/der Referent und drei weitere "Fachleute" an einem Podium über das Thema. Anschließend werden die Zuhörerinnen und Zuhörer einbezogen.

Als im Jahr 2006 der Gründer Hermann Münzel starb, führten die Freunde das TQT weiter und gründeten den Verein "Theologisches Quartett Trier e.V.", der seit nun 10 Jahren gut besuchte Matineen anbietet.

Wegen der starken Beteiligung der Zuhörerinnen und Zuhörer an den Diskussionen wurde auf die Podiumsdiskussion verzichtet.

Das TQT besteht seit seiner Gründung nun 16 Jahre und als Verein schon 10 Jahre. In dieser Zeit wurden jedes Jahr sechs oder sieben Matineen organisiert, insgesamt fast 90 Matineen.



Hier finden Sie folgende Artikel:

Rückblick zur Matinee "Ins Netz gegeangen" (20.03.2016)

Rückblick mit Vortragsbildern zur Matinee "Nachhaltiges Wachstum" (31.01.2016)

Rückblick zur Matinee "Was heißt menschenwürdig sterben"

Rückblick: "Braucht der heutige Mensch noch Religion"

Das Matinee-Programm 2015/16



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Ins Netz gegangen -

Freiheit und Abhängigkeit in der digitalisierten Welt.

Matinee mit PD Dr. Bert te Wildt, Bochum
am 20. März 2016

Vorbemerkung

Der folgend wiedergegebenen Text von Norbert Bogerts, einem Matinee-Teilnehmer, über den Vortrag von Dr. te Wildt wurde vom Referenten als zutreffend bezeichnet und kann nun veröffentlicht werden.

Das TQT dankt Herrn Bogerts, der schon öften Matinee-Berichte geschrieben hat, für diese Arbeit.

Falls Sie die Bilder, die Dr. te Wildt während des Vortrags gezeigt hat, gerne haben möchten, schreiben Sie eine E-Mail an <wblasweiler@t-online.de>. Wir werden Ihnen die Bilder dann per E-Mail zusenden.



PD Dr. Bert te Wildt

Der Matinee-Bericht von Norbert Bogerts

Abhängigkeit von der digitalisierten Welt ist ein eigenständiges Krankheitsbild.

Es kommt darauf an, die Welt so zu gestalten, dass die Digitalisierung zum Guten führt.

Der Vortrag greift im ersten Teil die individuelle Abhängigkeit auf, um im zweiten die kollektive zu thematisieren.

Jedes neue Medium, auch das Buch, wurde zunächst nicht nur begrüßt, sondern auch verteufelt. Schließlich gibt es auch heute noch Bücher guten und schlechten Inhalts.

Wir stehen erst am Anfang der Digitalisierung; Urteile zu fällen fällt deshalb schwer. Es kommt darauf an, die Fehler, die bei der industriellen Revolution begangen wurden (bis hin zum Klimawandel), nicht zu wiederholen; es muss zum "mentalen Klimaschutz" kommen.



Zur individuellen Abhängigkeit:

Im Krankheitsbild zeigt sich eine große Abhängigkeit von Online-Spielen. Meist spielen dabei Avatare eine zentrale Rolle. Das sind Spielfiguren, die das Göttliche inkarnieren (ein Avatar ist im Hinduismus die körperliche Manifestation eines Gottes; in einem Computerspiel ist er eine künstliche Person oder eine Grafikfigur, die einem Internetbenutzer in der virtuellen Welt zugeordnet wird).

Meist handelt es sich bei den Süchtigen um junge Männer, die in ihrer Umwelt nicht zurechtkommen, nicht die erwartete Leistung bringen, weder in Schule, noch in Beruf oder im Sport. Sie sind von der realen Welt gekränkt, verängstigt und ziehen sich so in die virtuelle Welt zurück. Typisch sind Depressionen, Angsterkrankungen, geringe Selbstsicherheit. Sie finden in der realen Welt nicht ihren Platz, meist haben sie in der Jugend zu viel in der virtuellen Welt mit Avataren gespielt. Sie haben ihre Entwicklungsaufgaben nicht gelernt, nämlich etwas zu erreichen. Sie wollen in der virtuellen Welt bleiben, sind zwischen 16 und 26 Jahre alt, lassen sich von den Eltern durchfüttern, spielen 10 bis 16 Stunden täglich, sind emotional, sozial und körperlich verwahrlost. Sie wollen nicht körperlich leben, sondern den Körper verlassen, die Menschenwelt ebenso, da sie Probleme mit den echten Menschen haben.



Einige Symptome:

ins Spielen vertieft, Kontrollverlust,

Entzugssymptome: Aggressivität, kann bis zum Mord gehen; Depression, kann zum Suizid führen,

fortgesetztes exzessives Onlinespiel trotz Kenntnis der psychosozialen Probleme,

Vernachlässigung körperlicher Bedürfnisse, kann nach 48 Stunden spielen zum Tod führen.



Ein bis 1,5 % der 14- bis 64jährigen sind erkrankt, das sind in Deutschland 800.000 Menschen; je jünger sie sind, desto höher ist der Prozentsatz. Zum Vergleich: Von Glücksspielsucht sind 0,8 %, von Schizophrenie 0,5 bis 1 % betroffen.



Bereiche der Online-Abhängigkeit:

Online-Spiel

Soziale Netzwerke

Cybersex

Onlineshopping

Online-Glücksspiel

Videostreaming

Allgemeines Surfen



Die ersten drei Bereiche dominieren bei weitem. Männliche Süchtige verfallen meist dem Online-Spiel, weibliche mehr den Sozialen Netzwerken, in denen es auch Elemente des Spielens gibt. Die Belohnungsreize sind jeweils größer als in der realen Welt.



Behandlungsmöglichkeiten:

Sprechstunden

Gruppentherapie

Informationen für Betroffene und Angehörige

Forschungsarbeiten

Online-Sprechstunde

Politisches Engagement im Fachverband Medienabhängigkeit



Prävention

Sie führt zu Fragen zur Dimension der Internetabhängigkeit:
1. Was erfahren und lernen Kinder, wenn sie sich im Internet verlieren?
2. Was erfahren und lernen Kinder nicht, wenn sie sich im Internet verlieren?

Außer beim Sehen und Hören sind die Sinnesorgane (Riechen, Schmecken, Tasten) schlechter ausgeprägt.

Reihenfolge des kindlichen Lernens: Symbol (Bild) -> Sprache (Schrift) -> Buch (Zeitung) -> Computerspiel (Computer) -> Internet (Cyberspace). Der Cyberspace schluckt alles Vorherige, das eigentlich schon erfahren sein sollte. Deshalb ist die Ansicht einiger Wissenschaftler, schreiben zu lernen sei nicht mehr erforderlich, da es digital möglich sei, einfach falsch.

Zunächst ist analoges Erfahren wichtig, z. B. den Baum anfassen, das Wort "Baum" schreiben usw. Bei einem Einstieg direkt in den Cyberspace fehlen die Realerfahrungen. Begegnung mit Medien sollte erst ab dem 8. Lebensjahr erfolgen, früher ist es schädlich.

Lernen mit allen Sinnen ist zu ermöglichen, um Selbst- und Welterfahrungen zu machen; die Formbarkeit des heranwachsenden Gehirns ist zu beachten.



Rolle der Eltern und Großeltern:

Medienfreie Zeiten und Räume schaffen

Zeitkontingente und Zeitfenster festlegen

Quantitative und qualitative Filter setzen

Schutz vor verstörenden Aspekten der Erwachsenenwelt (Sex and crime)

Gemeinschaftsgeräte im Haushalt (nicht schon im Kinderzimmer)

Vorbilder leben

Alternativen eröffnen

Digitale Medien als Diener analoger Unternehmen nutzen



Verantwortung der Pädagogik:

Notwendigkeit der Ganztagsschulen

Musische und sportliche Erziehung (Ganztagsschule!)

differenzierte Erziehung von Jungen und Mädchen

mehr Männer ins Erziehungssystem einbeziehen



Politik:

Anerkennung der Abhängigkeit als Diagnose

Berücksichtigung des Abhängigkeitspotentials von Computerspielen

Überprüfung der inhaltlichen Freigabekriterien

Präventionskampagnen und "medialer Klimaschutz"



Zur kollektiven Abhängigkeit:

Das Internet ist sehr verletzlich, z. B. durch Viren, Terror, Diktatoren, Geheimdienste, da alles zentralisiert ist.



Cyberspace als Ersatzreligion:

Verführungen:
1. Selbstoptimierung
2. das soziale Netz
3. Leben im Science Fiction

zu 1.
- Werde, wer du bist
- Authentizität
- Interaktivität und Interpassivität
- Leibverbundenheit oder Leibvergessenheit (das Bewusstsein hängt vom Körper ab)
- sich Selbst und den Anderen zum Objekt entfremden

zu 2.
- Zusammenhalt und Vereinsamung
- Kollektivismus und Individualismus
- Schwarmintelligenz oder digitale Mobs (Shitstorm, Lynchjustiz, Rechtsradikalität)
- Transparenz und Demokratie

zu 3.
- Internet als Krönung der Schöpfung oder Sackgasse der Evolution
- Medialisation: Umzug in die virtuelle Parallelwelt
- Roboter: Neue Freunde und Helfer im Krieg und im Nahkampf des Alltags
- Androide: Vermählung von Mensch und Maschine



Frage der Freiheit:

leibungebundene Freiheit?

Wer dient wem?

Neue Technologie kann nur so gut sein wie der Mensch, der sie anwendet.

Menschlichkeit kann das Internet nicht bringen.



Man spricht einerseits von den "Eingeborenen", den "digital natives" oder "Junkies", das sind die im Zeitalter des Internets Geborenen; andererseits von den "Zugewanderten" bzw. "Immigranten", das ist die ältere Generation. "Eingeborene" ist ein falscher Begriff, da wir nicht ins Netz, sondern in den Körper geboren werden.

Wenn Immigration gelingt, leben Immigranten in zwei Kulturen. Wir sollten in der analogen Kultur weiterleben, die digitale Welt mitmachen, ohne Junkie zu werden.



Informationen im Internet

www.lwl-uk-bochum.de

http://psychosomatik.lwl-uk-bochum.de/behandlungsschwerpunkte/medienabhaengigkeit

http://fv-medienabhaengigkeit.de/



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Nachhaltiges Wachstum

Aufbruch in anderen Schuhen

Matinee am 31. Januar 2016
mit Anton Pieper, Südwind Bonn


(Kurz- und Bildbericht von W. Blasweiler)

Anton Pieper ist Mitarbeiter des Südwind-Instituts für Ökonomie und Ökumene in Bonn. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Sozialstandards im Welthandel sowie Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen.



Anton Pieper

In der Matinee legt Pieper am Beispiel der weltweiten Schuhproduktion dar, dass der einseitige Fokus auf Produktions- und Umsatzsteigerung nicht auch Glück und Zufriedenheit der Menschen steigert. Das BIP (Brutto-Inland-Produkt) müsse daher neu definiert werden, um darin auch die Zufriedenheit der Menschen wiederzuspiegeln.

Die Globalisierung – hier in der Schuhindustrie – führte, so der Referent, zur Auslagerung der Produktion in sogenannte Niedriglohnländer. Dort werden die Schuhe häufig unter sehr schlechten sozialen und ökologischen Bedingungen hergestellt. Daher ständen Unternehmen und Politik in der Verantwortung, diese Bedingungen zu verbessern. Existenzsichernde Löhne, gerben ohne Chromsalze und öko-soziale Standards gehörten dazu.

Ziele der Anstrengungen seines Institutes und seiner Bemühungen seien: Existenzsichernde Löhne in der Leder- und Schuhindustrie, gegen Unfälle und Erkrankungen gesicherte Arbeitsplätze, Transparenz für Kundinnen und Kunden.
Bericht zur Matinee von Norbert Bpgerts
Viele Schriften zum Thema gibt es im Internet unter: http://www.suedwind-institut.de



Herr Pieper hat die folgenden Bilder aus seinem Vortrag freundlicherweise für diesen Bericht zur Verfügung gestellt.

Durch Klicken in die Bilder wird das folgende Bild aufgerufen.



Die Vortragsbilder



Bildimpressionen

Als Moderator begleitete die Matinee Peter Kappenstein. Musikalisch setze das UBI-Trio mit Stücken von Astor Piazzola Akzente. Es spielten: Irmgard Brixius (Querflöte), Ulrich Junk (Klarinette) und Bernhard Nink (Klavier).

Die folgenden Bilder wollen einen Eindruck vermitteln





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Was heißt menschenwürdig sterben?

Ethische Aspekte einer aktuellen Diskussion

Matinee am 17. Januar 2016
mit Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff.


Herr Prof. Dr. Schockenhoff stellt dankenswerterweise das Manuskript seines Vortrags, an das er sich weitgehend gehalten hat, zur Veröffentlichung an dieser Stelle zur Verfügung.



Niemandem zur Last fallen?
Suizid und Suizidbeihilfe als ethische Herausforderung

Der Begriff der Autonomie ist eine Schlüsselkategorie der gegenwärtigen Medizinethik. Für diese liegt die oberste Richtschnur ärztlichen Handelns nicht mehr in der Selbstverpflichtung des Arztes, das Wohl des Patienten zu achten, Schaden von ihm abzuwehren und im Zweifelsfall dem Leben zu dienen. Diese Maximen des ärztlichen Handelns sind vielmehr eingebettet in die oberste Richtschnur, die Autonomie des Patienten zu achten. Von ihr her empfängt das ärztliche Handeln erst seine moralische und rechtliche Legitimation. Ohne die informierte Einwilligung des Patienten, die dieser einem Behandlungsvorschlag des Arztes in der Ausübung seiner eigenen Autonomie erteilt, hat der Arzt keinen Auftrag, zugunsten des Patienten tätig zu werden.



Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff

Trotz der zentralen Bedeutung, die dem Autonomiebegriff in der gegenwärtigen Medizinethik zukommt, herrscht über seine genaue Bedeutung alles andere als Einmütigkeit. Ungeklärt ist vor allem, ob Autonomie im Arzt-Patient-Verhältnis mehr auf der Linie der angelsächsischen, auf John Locke zurückgehenden Tradition als individuelle Selbstbestimmung oder, wie in der kontinentaleuropäischen Tradition, als vernünftige Selbstgesetzgebung des Menschen verstanden werden soll. Die erste Variante reduziert Autonomie häufig auf die Fähigkeit und das Recht, eigene Wünsche zu äußern und sich zu deren Verwirklichung der Mithilfe des pflegerischen und ärztlichen Personals der Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge zu bedienen. Dagegen bedeutet Autonomie in der praktischen Philosophie der europäischen Aufklärung, als deren wirkmächtigster Vertreter Immanuel Kant gilt, gerade nicht das Recht auf subjektive Wunscherfüllung, sondern die Fähigkeit des Menschen, sich in vernünftiger Selbstgesetzgebung aus dem Bannkreis sinnlicher Neigungen, subjektiver Wünsche und hypothetischer Zwecksetzungen zu erheben. Das Beharren auf subjektiven Wünschen drückt nach dieser Konzeption nicht die Autonomiefähigkeit des Menschen aus, sondern verbleibt im Bannkreis subjektiver Neigungen, der die Sphäre der Heteronomie nicht durchbricht.

Derart unterschiedliche Autonomiebegriffe führen bei der Bewertung von Sterbewünschen und der Bitte um Suizidbeihilfe zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen. Der Streit darüber lässt sich nicht auf die Alternative: Respekt vor der Selbstbestimmung des Sterbenden oder paternalistische Entmündigung des Sterbenden reduzieren. Es geht auch nicht um die Gegenüberstellung von Selbstbestimmung und Fürsorge, da die Beachtung von Wünschen und die Ermöglichung von Selbstbestimmung generell wichtige Elemente der ärztlichen und pflegerischen Fürsorge für den kranken Menschen sind. Im Streit um die Suizidbeihilfe treffen vielmehr zwei unvereinbare Konzeptionen von Autonomie und Selbstbestimmung aufeinander. In der politischen Auseinandersetzung um deren gesetzliche Regelung muss es vor allem darum gehen, die Selbstbestimmung der Schwachen, nämlich der besonders vulnerablen Personengruppe schwerstkranker und sterbender Menschen gegenüber sozialem, moralischem und rechtlichem Druck zu stärken.

Die normative Begründung, die von den Befürwortern der ärztlichen Suizidbeihilfe angeführt wird, setzt oft am Leitbild eines eigenen Todes an, das zunächst den Wunsch nach persönlicher Selbstbestimmung der Umstände des eigenen Sterbens reflektiert. Der Wunsch, einen persönlichen Tod zu sterben, wird aber nicht nur als Hoffnung darauf verstanden, in einer vertrauten Umgebung und im Begleitetwerden durch nahe Mitmenschen zu sterben. Vielmehr soll dieser Wunsch das Recht einschließen, den Zeitpunkt und die Umstände des eigenen Todes selbst festzulegen und dabei auf die Unterstützung durch Dritte zurückzugreifen. Die Forderung nach einem selbstbestimmten Tod erscheint als die letzte Konsequenz des Rechtes auf ein selbstbestimmtes Leben, das wir uns in allen anderen Lebensfeldern selbstverständlich zugestehen. Moralische Selbstbestimmung beinhaltet nach dieser Ansicht vor allem die Fähigkeit, den Wert der eigenen Existenz zu beurteilen. Die Unterscheidung zwischen einem lebenswerten und einem nicht-lebenswerten Leben verliert in dieser Perspektive ihre moralische Anstößigkeit. Sie dient angeblich sogar dem Schutz der Menschenwürde, wenn sich bei der Beurteilung des jeweiligen Lebenswertes eines Menschen Kriterien des sozialen Nutzens oder andere dem Individuum übergeordnete Gesichtspunkte sicher ausschließen lassen.

Die dargelegte Argumentation beruht auf zwei Voraussetzungen: Die moralische Zulässigkeit hängt davon ab, ob wir die Bitte eines sterbenden Menschen als wohlerwogenen Ausdruck seiner moralischen Selbstbestimmung betrachten dürfen und ob die Erfüllung dieser Bitte für ihn eine wirkliche und noch dazu die einzige Hilfe darstellt, die wir ihm in seiner qualvollen Lage geben können. Beide Voraussetzungen erweisen sich jedoch als fragwürdig – sowohl, was ihre philosophische Begründbarkeit anbelangt als auch im Hinblick auf die ärztliche Erfahrung im Umgang mit sterbenden Menschen. Die unterstellte Autonomie der Person, die sich in der Fähigkeit äußern soll, über den Wert des eigenen Lebens frei von Fremdeinflüssen, allein aus der Binnenperspektive der eigenen Existenz zu urteilen, entspringt einer atomistischen Konzeption, die der faktischen Abhängigkeit des menschlichen Daseins nicht gerecht wird. Das Bild, das ein Mensch von sich selbst gewinnt, hängt nicht zuletzt davon ab, wer er in den Augen der anderen ist. Die Einschätzung des eigenen Lebenswerts stellt in der einen oder anderen Richtung immer auch eine Reaktion auf die Wertschätzung dar, die er im Urteil der anderen erfährt.

Die Einseitigkeit der Autonomiekonzeption, die den Rechtfertigungsversuchen ärztlicher Suizidbeihilfe zugrunde liegt, zeigt sich in ihrem Blick auf den Sterbenden. Dieser wird als ein solitäres, einsames Subjekt gesehen, das Wünsche äußern und ihre Erfüllung gegenüber seiner Umgebung durchsetzen will, nicht aber als ein relationales Selbst wahrgenommen, dessen Autonomie in seine Abhängigkeit von anderen eingebettet ist. Auf diese Weise wird Autonomie mit einer Form der Autarkie gleichgesetzt, mit der Selbstgenügsamkeit des starken, selbstbewussten, keiner Hilfe bedürftigen Menschen, die bereits in gesunden Tagen ein fragwürdiges moralisches Ich-Ideal darstellt und in der Situation schwerer Krankheit durch die Konfrontation mit dem Sterbenmüssen und die Abhängigkeit von fremder Hilfe an ihre Grenzen stößt. Tatsächlich sind Abhängigkeit von anderen und das Angewiesensein auf Hilfe, Unterstützung und Pflege nicht menschenunwürdige Zustände, sondern eine Grundverfassung des menschlichen Daseins, die das Leben in seinen verschiedenen Phasen auf unterschiedliche Weise prägt. Auch die Autonomie des Menschen ist deshalb nicht als Vermögen eines unabhängigen und isolierten Subjekts zu denken, das frei von der Beeinflussung durch andere handelt und entscheidet; sie wird vielmehr erst in den Beziehungen verwirklicht, in denen das autonome Ich sich als ein soziales Selbst erfährt, das von dem Wohlwollen, der Fürsorge und der Solidarität anderer getragen ist. Als eine grundlegende Verfassung der menschlichen Person ist Autonomie immer von sozialen Vorbedingungen, biographischen Prägungen und aus der körperhaften Existenzweise des Menschen resultierenden Gegebenheiten (Verletzbarkeit, Sorge, Angst) abhängig, die eine moralische Beurteilung der Suizidbeihilfe nicht ausblenden darf. Insbesondere erweist es sich als unzulässig, krankheitsbedingte Einschränkungen und Abhängigkeiten mit dem Verlust von Autonomie und Menschenwürde gleichzusetzen.

Die Berufung auf das Autonomieprinzip bleibt, solange Autonomie unter Einklammerung ihrer sozialen Vorbedingungen als reine Selbstbestimmung verstanden wird, abstrakt und realitätsfern. Angesichts der faktischen Abhängigkeit des menschlichen Daseins, die am Lebensende und in der letzten Sterbephase in besonderer Intensität erfahren wird, erfordert ein menschenwürdiges Sterben mehr als bloßen Respekt vor einer angeblich unbeeinflussten Selbstbestimmung des Sterbenden. Menschenwürdiges Sterben ist überhaupt nur unter der Bedingung möglich, dass personale Beziehungen und menschliche Nähe zum Sterbenden aufrecht erhalten werden. Unsere moralischen Pflichten ihm gegenüber lassen sich nicht auf die formale Bereitschaft reduzieren, seinen Willen zu respektieren und diesen zur Richtschnur des eigenen Handelns zu machen. Die moralische Anerkennung des Sterbenden, die ihn in seiner Vulnerabilität und Hilfsbedürftigkeit achtet, erfordert vielmehr, bis zuletzt bei ihm zu bleiben, ihn nicht allein zu lassen, gemeinsam auszuharren und mit ihm auf den Tod zu warten. Die Formel vom Respekt vor der Autonomie des Sterbenden, die seine Tötung oder die Suizidbeihilfe rechtfertigen soll, führt dagegen zur Verweigerung wirklicher Hilfe, die dem Sterbenden die Annahme seines eigenen Todes erlauben könnte.

Die Zweifel, ob wir die Sterbewünsche schwerstkranker Patienten als ein unabhängiges Ergebnis rationaler Abwägungsvorgänge betrachten dürfen, die allein aus der Innensicht der individuellen Existenz heraus erfolgen, werden durch Erfahrungsberichte aus der ärztlichen Praxis gestützt. Gerade in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium stellen Sterbewünsche häufig verhüllte Mitteilungen dar, die auf einer tieferen Ebene etwas anderes meinen, als sie sprachlich zum Ausdruck bringen. In den einzelnen Sterbephasen unterliegt der Kranke zudem oft wechselnden Stimmungen. Die in einer depressiven Phase geäußerte Bitte um einen sofortigen Tod kann später von einer neuen Lebenskraft abgelöst werden, die dem Sterbenden die bewusste Annahme seines eigenen Todes ermöglicht. Im Nachhinein erweisen sich solche Todeswünsche als verzweifelter Appell, in der Not des Sterbens nicht allein gelassen zu werden. Hinter ihnen steht der Wunsch nach wirksamer Hilfe im Sterben, den ein wörtliches Verständnis der Bitte um Suizidbeihilfe oder ihre sofortige Erfüllung nur enttäuschen könnten.

In der medizinethischen und öffentlichen Debatte um die Suizidbeihilfe wird häufig unterstellt, dass Sterbewünsche und die Nachfrage nach Suizidbeihilfe ein andauerndes, stabiles Ergebnis eines längeren Überlegungsprozesses sind, das später nicht mehr infrage gestellt wird. Studien zum Auftreten und zu den unterschiedlichen Formen von Sterbewünschen im Zusammenhang mit unheilbaren Erkrankungen zeigen jedoch, dass dies keineswegs der Fall ist. Selbst die häufig verwendete Definition eines gesteigerten Todeswunsches (desire for hastened death) umfasst noch sehr unterschiedliche Erscheinungsformen wie einen gelegentlich geäußerten Wunsch zu sterben (wish to die), ein fortdauerndes Todesverlangen (desire to die) oder das akute Verlangen nach einem baldigen Tod (desire for hastened death). Auch ist zwischen der grundsätzlichen Einstellung (attitude) zum Suizid und dem aktuellen, persönlichen Wunsch (wish) zu sterben, und einer konkreten Bitte um aktive Sterbehilfe oder assistierten Suizid zu unterscheiden. Häufig entwickeln Menschen in gesunden Tagen Vorstellungen eines qualvollen Sterbens unter Bedingungen, unter denen sie aus antizipierter Sicht nicht weiterleben wollen. Um valide Ergebnisse über die Aussagekraft von Todeswünschen zu erhalten, ist es daher erforderlich, in stärkerem Maße zwischen einem aktuellen und einem hypothetischen Todeswunsch zu differenzieren, d.h. zu unterscheiden, ob jemand im Augenblick den Wunsch hat zu sterben und eine konkrete Bitte um Suizidbeihilfe äußert oder ob er dies für eine unbestimmte Zukunft unter bestimmten, von ihm als wahrscheinlich angenommenen oder auch nur hypothetisch möglichen Bedingungen wünscht.

Umfragen nach den Bedürfnissen von Sterbenden ergeben dementsprechend sehr unterschiedliche Antworten, je nachdem, ob sie aus der vorweggenommenen Perspektive Gesunder, die auf ihr eigenes Sterben vorausblicken, oder in der unmittelbaren Konfrontation mit dem Tod in der letzten Sterbephase beantwortet werden. Im ersten Fall steht häufig das Bedürfnis im Vordergrund, die eigene Autonomie zu wahren und selbstbestimmte Wünsche durchzusetzen, in unmittelbarer Todesnähe überwiegt dagegen das Bedürfnis nach Schmerzfreiheit, nach guter medizinischer Versorgung und der Nähe von Angehörigen. Obwohl es für die Entstehung von Todeswünschen keine generalisierungsfähigen Aussagen über ihre Entstehung, ihr Verschwinden und ihre Wiederkehr gibt, konnte in mehreren Studien ein Zusammenhang zwischen gesteigertem Todeswunsch, Depression und Hoffnungslosigkeit nachgewiesen werden. Häufig sind Hoffnungslosigkeit und Depression die stärksten Determinanten für einen gesteigerten Todeswunsch, hinter denen krankheitsbezogene Faktoren oder ein konkretes Schmerzempfinden zurücktreten. Andererseits unterstreicht eine US-amerikanische Studie, dass es weniger die depressiven und hoffnungslosen Patienten, sondern vielmehr solche sind, die ihre Unabhängigkeit und Selbstkontrolle zu bewahren wünschen, die den Sterbevorgang beschleunigen möchten.

Wie realitätsfremd die Unterstellung eines wohlerwogenen, diskursiv abgeklärten und eindeutigen Sterbewunsches ist, zeigt die Beobachtung, dass Todeswunsch und Lebenswille bei vielen Patienten gleichzeitig auftreten können. Sie dürfen nicht als gegenüberliegende Eckpunkte eines Kontinuums verstanden werden, in dem Todeswünsche den Lebenswillen verdrängen und umgekehrt. Vielmehr können beide Stimmungen und Wünsche nebeneinander bestehen und ineinander übergehen, so dass es für die Annahme, die Äußerung eines Sterbewunsches entspringe einer dauerhaften Einstellung oder einem abgeschlossenen Überlegungsprozess keine ausreichende Basis gibt. Das klinische Erfahrungswissen vieler Palliativmediziner berichtet vielmehr davon, dass Sterbewünsche und Sterbegedanken kommen und gehen können; häufig ist ihre Äußerung Ausdruck einer mangelnden palliativmedizinischen Versorgung. Sie können auch in wellenförmigen Bewegungen auftreten und wieder vergehen oder nach einer erfolgreichen palliativen Sedierung verschwinden. Kurz: Sterbewünsche sind in ihren empirisch greifbaren Erscheinungsformen, anders als es die Annahme einer wohlerwogenen Bitte um Suizidbeihilfe oder eines freiverantwortlichen Suizids unterstellt, in der weitaus überwiegenden Zahl der Fälle ein ambivalentes und klärungsbedürftiges, ein labiles und flüchtiges Phänomen.

Die vielfältigen Erscheinungsformen von Sterbewünschen und ihre häufige Abhängigkeit von psychiatrischen Erkrankungen zeigen, dass die Identifizierung eines wohlerwogenen Sterbewunsches, der zu einem frei verantwortlichen Suizid motivieren könnte, nur in äußerst seltenen Fällen mit der notwendigen Eindeutigkeit möglich ist. Die von Palliativmedizinern geäußerte Sorge, aus Unkenntnis über die vielfältigen Erscheinungsformen und Gründe von Suizidwünschen könnte das gesamte Instrumentarium von psychiatrischen und palliativmedizinischen Interventionsmöglichkeiten überhaupt nicht mehr zur Anwendung kommen, wenn Ärzte die Suizidbeihilfe erst einmal als regulären Bestandteil der medizinischen Begleitung von Sterbeprozessen ansehen, mahnt zur Skepsis gegenüber rechtlichen Regelungsvorschlägen, die allzu unbefangen auf die Rechtsfiktion eines wohlerwogenen Sterbewunsches und einer freiverantwortlichen Bitte um Suizidbeihilfe setzen.

Die ärztliche Suizidbeihilfe auf der einen und das Sterbenlassen und die leidmindernde Medizin auf der anderen Seite unterscheiden sich nicht nur in ihrer Intention
und der Art der kausalen Beteiligung des Arztes an der Herbeiführung des Todes. Eine wesentliche Differenz liegt auch darin, wie sie die Menschenwürde des Sterbenden und die Unverfügbarkeit seines Lebens achten. Will man den Kurzschluss vermeiden, der die Erfüllung von Sterbewünschen mit dem Respekt vor der Autonomie eines Menschen gleichsetzt, lassen sich zwei Aspekte der Autonomie des Menschen unterscheiden. Ihre essentielle Seite liegt in der Selbstzweckhaftigkeit des Menschen, die als ein unverlierbares Grundcharakteristikum anzusehen ist, die ihm in jeder Lage und Erscheinungsweise zukommt. Dagegen bezeichnet die aktuelle Selbstbestimmung die funktionale Seite der Autonomie, die durch Krankheit und schweres Leiden eingeschränkt sein kann. Wichtig an dieser Unterscheidung ist, dass Autonomie als Verfasstheit der Person der jeweiligen Manifestation dieser Verfasstheit in der aktuellen Ausübung von Selbstbestimmung logisch vorangeht. Dass der Mensch Würde und daher Autonomie im Sinn von Unverfügbarkeit und Selbstbestimmung besitzt, ist weder von seinen Fähigkeiten oder Leistungen noch von Lebenszuständen oder –phasen abhängig, sondern einzig von seinem Menschsein, zu dem auch das Sterben gehört.

Die Unterscheidung zweier Seiten der menschlichen Autonomie – der fundamentalen Verfasstheit der Person und ihrer je aktuellen Manifestation in konkreter Selbstbestimmung – verdeutlicht nun, warum zwischen der ärztlichen Suizidbeihilfe und dem Sterbenlassen ein moralisch bedeutsamer Unterschied besteht. Direktes Handlungsziel des Sterbenlassens ist die Bewahrung der Menschenwürde und die Achtung der unverlierbaren essentiellen Autonomie des Sterbenden, die bis zuletzt aufrechterhalten wird. Daher unterlassen Ärzte alles, was den Sterbeprozess in einer Weise verlängern könnte, welche im Widerspruch zum Willen und zur Würde des Sterbenden stünde; zugleich unternehmen sie alles, was die Symptome des Sterbens (Schmerzen, innere Unruhe, Angst, Atemnot, Erstickungsgefühle) lindern kann.

Der Versuch, die Suizidbeihilfe durch den Wunsch des Sterbenden zu rechtfertigen, so dass sie als Ausdruck des Respekts vor seiner Selbstbestimmung erscheint, erweist sich dagegen als widersprüchlich. Dieser Argumentation liegt ein unzureichendes Verständnis menschlicher Autonomie zugrunde, das sich ausschließlich an deren aktuelle Manifestation, d.h. an den Todeswunsch des Patienten hält, während die fundamentalere Bedeutung der Autonomie als unverlierbarer Verfasstheit der Person ausgeblendet wird. Die innere Widersprüchlichkeit dieser Idee liegt darin, dass sie vorgibt, die Autonomie des Sterbenden zu achten, während diese in der Grundschicht ihrer Bedeutung zerstört wird. Der Gedanke der Tötung auf Verlangen oder der Suizidbeihilfe setzt nämlich einen latenten Dualismus voraus, in dem die Achtung vor der aktuellen Selbstbestimmung des Sterbenden und die Achtung vor seiner konkreten Leiblichkeit, die Grundlage seiner essentiellen Autonomie ist, radikal auseinandertreten.

Der entscheidende moralische und rechtliche Einwand gegenüber dem Versuch, die Forderung nach einer rechtlichen Duldung der Suizidbeihilfe durch Vereine oder einzelne Ärzte durch die Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht zu legitimieren, sei abschließend nochmals genannt: Wenn die Inanspruchnahme von Suizidbeihilfe zu einer sozial akzeptierten, von Ärzten oder anerkannten Organisationen unterstützten Option am Lebensende wird, stärkt das nicht die Selbstbestimmung Schwerstkranker und Sterbender. Sie sehen sich vielmehr dem Druck vonseiten ihrer Umgebung ausgesetzt, der für alle Seiten angeblich untragbar erscheinenden Belastung durch ihren Sterbewunsch und ihre Bitte um Suizidbeihilfe ein Ende zu setzen. Der Zwang, ein Weiterleben unter den gegebenen Bedingungen vor sich selbst, vor den Angehörigen, vor den Pflegekräften und vor der Versicherungsgemeinschaft rechtfertigen zu müssen, stellt das Gegenteil von Selbstbestimmung, nämlich ihre Schwächung und Einschränkung, dar. Bedenkt man zudem, welche Rolle innere Unruhe und Angst – vor Schmerzen, vor einer belastenden Pflegesituation, vor einer Verschlimmerung der Symptome, vor der Einsamkeit im Sterben – beim Entstehen von Sterbewünschen spielen, kann diese Einschränkung der Selbstbestimmung bis hin zu ihrer vollständigen Aufhebung gehen. Wenn Sterbende Gefühle der Angst und der existenziellen Verunsicherung äußern, stellt die Bereitschaft von Ärzten und Pflegekräften, derartige Wünsche durch die Gabe todbringender Medikamente zu verwirklichen, die falsche Reaktion dar. Der Angst, in eine unwürdige Pflegesituation zu gelangen, kann auf menschenwürdige Weise nur durch die Zusage bedingungsloser und uneingeschränkter Hilfe begegnet werden, die alle Möglichkeiten palliativmedizinischer Versorgung und mitmenschlicher Nähe ausschöpft.



Impressionen



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Braucht der heutige Mensch noch Religion?

Matinee am 13. Dezember 2015
Referent: Dr. Michael Schmidt-Salomon
Zusammengefasst von Norbert Bogerts / Matineeteilnehmer


Das tragische Element des Menschen ist: Schon bald nach unserem Tod werden wir vergessen sein – wie sehr wir uns auch immer anstrengen mögen, unserem Leben einen tragfähigen Sinn zu verleihen. Dies gilt nicht nur für den Einzelmenschen, sondern für die gesamte Spezies Mensch. Das irdische Leben insgesamt ist von kurzer Dauer: Aufgrund der kontinuierlich steigenden Strahlkraft der Sonne wird es in 500 Mio. Jahren keine höheren Lebensformen auf der Erde mehr geben, in 900 Mio. Jahren werden sämtliche Pflanzen verschwunden sein, in 2 Mrd. Jahren wird die Erde ein Wüstenplanet sein.

Schon Shakespeare und Schopenhauer haben beklagt, dass wir den Übeln nicht entgehen können. Auch deshalb klammern sich viele an die Rettungsringe des Glaubens. Karl Marx hatte Recht, als er die Religion als Seufzer der bedrängten Kreatur, als Gemüt einer herzlosen Welt, als Opium des Volkes beschrieb. Denn Religion ist nicht zuletzt auch Ausdruck eines ohnmächtigen Protests gegen eine Welt, die so, wie sie ist, nicht sein sollte.

Religionen sind bis heute attraktiv geblieben, weil sie Antworten auf die drei existentiellen Grundprobleme des Menschseins geben:

1. die Erfahrung des Absurden
2. die Widrigkeiten des Lebens
3. die Ungerechtigkeit der Welt

Zu 1.
Am Ende der menschlichen Geschichte steht das sinnlose Nichts. Albert Camus (1913-1960) hat in seinem "Mythos des Sisyphos" die Idee des Absurden klar entwickelt, die sich aus dem unaufhebbaren Widerspruch zwischen der offenkundigen Sinnwidrigkeit der Welt und der ebenso offenkundigen Sehnsucht der Menschen nach Sinn ergibt.

Zu 2.
Die Widrigkeiten des Lebens beginnen schon im Mutterleib. Selbst diejenigen, die unter glücklichsten Umständen leben, sind von Schmerzen, Verlusten, Enttäuschungen, Krankheiten, Tod nicht befreit.

Zu 3.
Die Evolution ist ungerecht. Es gibt keinen Heilsplan in der Natur. Die Kultur unserer Spezies hat die Ungerechtigkeiten oft noch verschärft. Beispiele: absolute Armut; zu Hunger und frühem Tod verurteilte Kinder; auch in den wohlhabenden Gesellschaften sind die Karten von Anfang an auf verstörende Weise ungleich verteilt.

Die Religionen bieten hierzu Lösungsmöglichkeiten an; trotz ihrer Verschiedenheiten weisen sie idealtypische Grundmuster auf.

Hinduismus: Die Ungerechtigkeit gilt als Ausdruck einer tiefer liegenden Gerechtigkeit. Das macht Ungerechtigkeiten erträglicher, aber auch stabiler, denn es bleibt die Hoffnung auf die nächste Reinkarnation.

Buddhismus: Wie der Hinduismus sieht auch der Buddhismus die Nicht-Existenz als Erlösung statt als Bedrohung an; allerdings wird das Nirwana schon im Leben in Aussicht gestellt. Der Mensch muss dazu die vier edlen Wahrheiten beachten und die acht Pfade beschreiten.

Nach dem Judentum lenkt ein allmächtiger Gott das Schicksal seines Volkes. Die Antwort auf die Frage nach der Ungerechtigkeit lautet: "Gott will es so!" Damit ist die Definitionsmacht vom Menschen auf Gott übertragen. Die Heilserwartung ist jedoch innerweltlich, sie besteht in der Aussicht auf eine strahlende Zukunft des auserwählten Volkes.

Das Christentum hofft auf die Auferstehung von den Toten; die Ungerechtigkeit der Welt ist damit nicht das letzte Wort; das Jüngste Gericht eine Endabrechnung. Das Leid ist nicht vergeblich, da die Belohnung im Himmel erfolgt.

Warum aber gibt es überhaupt Leid, für das ein allgütiger Gott nicht zuständig sein kann? Hier bekommt der Teufel seine Funktion und erhält eine besondere Aufwertung. Die Ausbreitung des Christentums erfolgte nicht nur durch das Schwert, sondern hauptsächlich durch seine kosmopolitische Ausrichtung. Es richtet sich nicht nur an ein Volk, sondern an alle Menschen weltweit. Wer ihm folgte, musste sich nicht den Regeln der Thora unterwerfen. Aufgrund der Naherwartung des Weltuntergangs wurde der Alltag in den Heiligen Schriften des Christentums nicht verregelt. Der damit einhergehende Mangel an verbindlichen Normen erlaubte es dem Christentum, sich an jede Kultur und Gesellschaftsform anzupassen.

Im Islam belohnt Allah die Gerechten und bestraft die Frevler. Der Islam ist dem Judentum im Hinblick auf die Verregelung des Alltags näher, hat aber auch den kosmopolitischen Ansatz des Christentums. Dem Glauben nach wird die Umma überleben und den Sieg davontragen (von dieser Idee ist auch der IS beseelt). Für die Benachteiligten ist die Idee einer ausgleichenden Gerechtigkeit im Jenseits besonders attraktiv, was erklärt, warum Islam und Christentum die erfolgreichsten Religionen weltweit sind (vor allem in solchen Regionen, in denen soziale Ungleichheiten besonders stark zum Ausdruck kommen).

Zwischenfazit: Die Menschen scheinen Religionen unter bestimmten sozialen Bedingungen zu benötigen. Aber: Die sozialen Verhältnisse wandeln sich permanent. So gab es in Westeuropa in den letzten Jahrzehnten parallel zu sozialen Fortschritten einen historisch einmaligen Säkularisierungsschub. Offenkundig gilt: Wer am Leben nicht mehr allzu sehr leidet, braucht auch nicht mehr auf Wiedergutmachung im Jenseits für erlittene Qualen im Diesseits zu hoffen.

Die Säkularisierung spiegelt sich auch in der Theologie wieder: Vom ewigen Höllenfeuer wird in Westeuropa schon länger nicht mehr gepredigt. Daraus resultiert allerdings ein theologisches Problem. Was bleibt vom Kernbestand der Religion übrig, wenn man all die Fortschritte in den Glauben integriert, die z.B. in der Hirnforschung oder in der Ethik stattgefunden haben?

Befund: Ein bloß simulierter Glaube (wider besseres Wissen tut man so, als glaube man noch) tritt an die Stelle des wirklichen Glaubens; dieser wirkt zwar weniger naiv, gibt aber keinen Trost mehr, ja die Illusionen schaffen durch ihre Desillusionierung zusätzliches Leid.

Die Fundamente des Glaubens konnten den Erkenntnisfortschritten der letzten 200 Jahre nicht mehr standhalten. Dies zeigt sich nicht zuletzt auch im Aufkeimen des religiösen Fundamentalismus. Der Fundamentalismus ist nichts anderes als der Versuch, aus lauter Angst des Glaubensverlustes das Verschwinden des Glaubens zuzudecken; er ist also keine Renaissance des Glaubens, sondern sein Abgesang. In den Ungläubigen bekämpfen die Fundamentalisten all jene Zweifel, die sie selbst in sich tragen, ohne es sich eingestehen zu können. Der Fundamentalismus ist daher kein Ausdruck der Macht, sondern der Ohnmacht der Religion - der verzweifelte Versuch, Gewissheiten zu stärken, die längst ins Wanken geraten sind.

Fazit: Der Mensch braucht nicht notwendigerweise Religion, sondern tragfähige Antworten auf die Grundfragen seiner Existenz. Früher haben Menschen diese Antworten in den Religionen gefunden, in der Zukunft werden sie sie eher in Wissenschaft, Philosophie und Kunst finden. Schon heute deuten sich Konturen eines „humanistischen Glaubens“ an, d.h. eines Glaubens an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen, der sich – im Unterschied zu den Religionen – auf empirische Befunde stützen kann.

Diesen humanistischen Glauben hat Schmidt-Salomon am Ende seines Buches "Hoffnung Mensch - eine bessere Welt ist möglich" in folgende Worte gefasst („humanistisches Credo“):



Humanistisches Credo von Michael Schmidt-Salomon


Ich glaube an den Menschen
Den Schöpfer der Kunst
Und Entdecker unbekannter Welten.

Ich glaube an die Evolution
Des Wissens und des Mitgefühls,
Der Weisheit und des Humors.
Ich glaube an den Sieg
Der Wahrheit über die Lüge,
Der Erkenntnis über die Unwissenheit,
Der Phantasie über die Engstirnigkeit
Und des Mitleids über die Gewalt.

Ich verschließe nicht die Augen
Vor den Schrecken der Vergangenheit.
Dem Elend der Gegenwart,
Den Herausforderungen der Zukunft.
Aber ich glaube,
Dass wir bessere Wege finden werden,
Um das Leid zu vermindern,
Die Freude zu vermehren
Und das Leben zu bewahren.

Ich glaube an den Menschen,
Der die Hoffnung der Erde ist
Nicht in alle Ewigkeit



Impressionen zur Matinee



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Das Programm 2015/16 steht

Wir hoffen, dass wir auch im 15. Jahr des Bestehens wieder ein für Sie interessantes und aktuelles Programm aus den Bereichen Religion/Christentum/Glaube, Gesellschaft, Wirtschaft und Naturwissenschaft zusammengestellt haben und würden uns freuen, wenn wir Sie anlässlich unserer Matineen im neuen Prgramm ab September 2015 begrüßen könnten.

Wie in den vergangenen Jahren werden wir vor jeder Matinee auf dieser Seite eine Ankündigung mit einer Kurzbeschreibung veröffentlichen. Wenn Sie uns Ihre E-Mail-Adresse für den TQT-E-Mail-Service gegeben haben, erhalten Sie ungefähr eine Woche vor jeder Matinee eine Ankündigung.

Im Archiv finden Sie zu allen früheren Veranstaltungen des TQT die entsprechenden Kurzbeschreibungen und - falls vorhanden - die Manuskripte.

Die folgende Liste gibt eine Überblick des Programms 2015/16.



Programm 2015/16 im Überblick

Datum; Zeit: jeweils 11 Uhr Referentin / Referent Titel
20. September 2015 Christa A. Thiel, Dortmund Was bedeutet "Familie" heute? - Die Diskussion in den ev. Kirchen und ihre Konsequenzen.
08. November 2015 Dr. Necla Kelek, Berlin Muslime in Deutschland - Kann Religion ein Integrationshindernis sein?
13. Dezember 2015 Dr. Michael Schmidt-Salomon, Besslich Braucht der heutige Mensch noch Religion?
17. Januar 2016 Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff, Freiburg Was heißt menschenwürdig sterben? - Ethische Aspekte einer aktuellen Diskussion
31. Januar 2016 Anton Pieper, Bonn Nachhaltiges Wachstum - Aufbruch in anderen Schuhen
20. März 2016 PD Dr. Bert te Wildt, Bochum Ins Netz gegangen - Freiheit und Abhängigkeit in der digitalisierten Welt


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